Get out the vote: Wählermobilisierung auf den letzten Metern

Der Wahlkampf der Republikaner und der Demokraten neigt sich dem Ende zu. Für beide Parteien geht es nun um alles, denn die letzten Wochen können entscheidend sein.

Wählermobilisierung bedeutet bei Joe Biden immer noch hauptsächlich, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen.
Wählermobilisierung bedeutet bei Joe Biden immer noch hauptsächlich, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen.

Der Stimmenfang in der Endphase des Wahlkampfs wird in den USA auch „Get out the vote” (GOTV) genannt. Das Ziel besteht darin, in den letzten Wochen möglichst viele Bürger:innen zum Wählen zu motivieren und Stimmen für die eigene Partei zu sammeln. GOTV ist in den USA äußerst wichtig, denn die Wahlbeteiligung ist dort generell relativ niedrig. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen 2016 lag sie lediglich bei 58 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland wählten bei den Bundestagswahlen 2017 rund 76 Prozent

GOTV-Aktivitäten werden zum einen von überparteilichen Organisationen ausgeführt. Sie möchten vor allem bisherige Nichtwähler:innen zur Erstregistrierung und zur Wahl motivieren. Zum anderen betreiben auch Parteien diese Art der Wählermobilisierung. Sie haben vor allem das Ziel, unentschlossene Wähler:innen vom eigenen Kandidaten zu überzeugen und zum Urnengang zu bewegen.  

Stimmenfang mit Hilfe diverser Instrumente

GOTV lässt sich grob in zwei Phasen einteilen. Die erste Phase der Identifikation beginnt rund 30 Tage vor der Wahl. Das Team sammelt Kontaktdaten von Anhängern, Spendern und Unterstützern. In den letzten sieben Tagen vor der Wahl beginnt die zweite Phase „Kontakt und erneuter Kontakt”. Nun werden die Personen auf der Liste kontaktiert und motiviert, wählen zu gehen. Dies kann mehrmals und über verschiedene Kommunikationskanäle geschehen. Die üblichsten Kanäle sind dabei:

  • Flyer: Die postalische Methode rückt angesichts der Digitalisierung eher in den Hintergrund. Die Flyer werden primär an Wähler:innen geschickt, die voraussichtlich bereits Unterstützer sind und sollen sie an Wahltermin, -möglichkeiten und
    -lokalitäten erinnern. 
  • Online-Werbung: Online geschaltete Werbung richtet sich eher an jüngere Bürger:innen, die oft wenig über Registrierungs- und Wahltermine wissen und so aufgeklärt werden sollen. 
  • Telefonanrufe: Freiwillige Helfer:innen rufen Wählende von der in Phase eins erstellten Liste an und erinnern sie an die Wahl. 
  • Textnachrichten: Auch diese Methode ist beliebt, um mit jüngeren Wählenden in Kontakt zu treten. 
  • Wähler zu den Urnen fahren: Hierbei fahren Freiwillige beispielsweise körperlich eingeschränkte oder ältere Menschen zum Wahllokal. Es ist legal, einen Wählenden zu den Urnen zu begleiten, aber er oder sie muss die Wahlkabine selbst betreten.
  • Tür-zu-Tür: Bei dieser Taktik besuchen Freiwillige Wählende zuhause und bitten sie persönlich, abzustimmen oder informieren über die politische Agenda des Wahlkandidaten. 

Eben diese Tür-zu-Tür-Kampagne startete Joe Biden nun Anfang Oktober in ausgewählten Wechselstaaten. Bidens Wahlkampf beschränkte sich bisher größtenteils auf eine virtuelle Kampagne, denn aufgrund der grassierenden Corona-Pandemie wollte er physische Kontakte möglichst vermeiden. Bidens Kampagnenmanagerin Jen O’Malley erklärte: „Wir weiten unseren Wahlkampf jetzt aus, weil wir in der entscheidenden Phase angelangt sind und versuchen, mit den Hausbesuchen auch diejenigen Wählenden zu erreichen, die nicht digital und telefonisch erreichbar sind.” Sicherheitsmaßnahmen wie genügend Abstand, Desinfektion und das Tragen von Masken würden dabei jederzeit eingehalten werden, so O’Malley. 

Die Republikaner setzen in Donald Trumps Wahlkampf schon länger auf die Tür-zu-Tür-Methode. Im August verkündete sein Team, es besuche jede Woche eine Million Haushalte. Das starke Gefälle zwischen Demokraten und Republikanern allerdings bestand nicht immer in dieser Konstellation. Insbesondere als Barack Obama für die Präsidentschaft kandidierte, galt Tür-zu-Tür als Stärke der Demokraten

Eigentlich müssten die Demokraten entsprechend ins Hintertreffen geraten sein. Doch nicht nur die aktuellsten Umfragen zeigen, dass Joe Biden dadurch keine Stimmen eingebüßt hat. Auch Expert:innen kommen zunehmend zum Schluss, dass Hausbesuche vielleicht gar nicht so wahlentscheidend sind wie bisher angenommen. 

Tür-zu-Tür-Methode weniger effizient als bisher angenommen

Die Politikwissenschaftlerin Melissa Michelson etwa sagt, dass andere Methoden wie Telefonanrufe genauso effektiv sein können. Zwar verbessern Hausbesuche den Wähleranteil, aber verglichen mit anderen GOTV-Maßnahmen sind sie relativ teuer. Aufgrund der Corona-Pandemie können sich auch die Parteien keine ineffizienten Kampagnen mehr leisten, da sie aufgrund der Lockdowns mehrere Wochen Wahlkampf eingebüßt haben.

Zudem sind Hausbesuche oft nützlich, um unsichere Wähler:innen zu überzeugen. Im diesjährigen Wahlkampf sind die Positionen der beiden Kandidaten allerdings klar und die Fronten verhärtet, sodass Überzeugungsversuche häufig auf der Strecke bleiben dürften. 

Doch woher wissen Wahlkampfteams überhaupt, wen sie ansprechen müssen? Während sie sich früher mit Stichproben und Umfragen begnügen mussten, stehen ihnen heute digitale Datenbanken zur Verfügung. Sie vermitteln ein landesweites Bild der Wählerregistrierung und der Wahlbeteiligung, aber nicht, für wen Einzelpersonen gestimmt haben. Diese Informationen werden von Wahlkampfstrategen, Politikern, Meinungsforschern und Journalisten verwendet. Bereits 2016 konnten die Datenbanken die Realität besser abbilden als konventionelle Meinungsumfragen. 

Quelle: Bloomberg, Vox   

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