Die kalifornische Vize-Kandidatin, Kamala Harris, gilt als starke Rednerin.
Die kalifornische Vize-Kandidatin, Kamala Harris, gilt als starke Rednerin.

„Yes, we kam“ – Kamala Harris im Porträt

Joe Biden hat sich entschieden: Der Präsidentschaftskandidat zieht mit Kamala Harris ins Rennen. Bidens Wahl ist die logische Konsequenz der Ereignisse der vergangenen Monate – und dennoch historisch. Doch wer ist Kamala Devi Harris, die erste schwarze Vize-Kandidatin der USA?

Politischer Aktivismus wurde der Tochter einer indischen Krebsforscherin und eines jamaikanischen Ökonomen in die Wiege gelegt: Die Eltern ihrer Mutter engagierten sich in der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Ihre eigenen Eltern wiederum kämpften in Kalifornien für die Rechte von Afroamerikanern. Bereits als Kleinkind nahm sie im Kinderwagen an Demonstrationen für Bürger- und Wahlrechte teil.

Gleichermaßen faszinierend wie polarisierend

2003 wurde die Juristin zur ersten weiblichen und ersten schwarzen Bezirksstaatsanwältin von San Francisco ernannt. Sieben Jahre später gewann sie die Wahl zur Generalstaatsanwältin und Justizministerin von Kalifornien. Während ihrer Zeit als top cop, wie sie sich selbst nannte, konnte die Kalifornierin zahlreiche Erfolge verbuchen. So erreichte die heute 55-jährige eine milliardenschwere Vergleichszahlung für kalifornische Hausbesitzer, die von den Zwangsvollstreckungen der Finanzkrise betroffen waren. Zudem setzte sie sich wirksam gegen häusliche Gewalt sowie für die Rechte von Homosexuellen und den Affordable Care Act ein.

Harris bei der San Francisco Pride 2019.
Harris bei der San Francisco Pride 2019.

Dennoch zog ihr Handeln auch Kritik auf sich. Widerstand gegen Cannabis-Legalisierung, Körperkameras bei Polizisten und unabhängige Untersuchungen bei tödlichen Polizeieinsätzen: Insbesondere ihre wechselnden Positionen zu kontroversen Themen stießen in Kalifornien auf Widerstand. Als moderate Staatsanwältin setze sich Harris überdies zu wenig für Minderheiten ein und scheue sich vor strukturellen Reformen des Justizsystems, monierten Kritiker.

2016 schaffte Kamala Harris den Sprung in den Senat, wiederum als zweite schwarze und erste indoamerikanische Frau. Als Mitglied des Justizausschusses befragte sie Supreme-Court-Anwärter Brett Kavanaugh, Justizminister William Barr sowie seinen Vorgänger Jeff Sessions. Harris‘ resolutes Auftreten in den Anhörungen brachte ihr landesweite Bekanntheit und Anerkennung ein und sorgte international für Aufsehen. Durch ihre Erfahrungen als Staatsanwältin entwickelte sie einen beinahe ungeduldigen und äußerst präzisen Verhörstil, dem sich die Angeklagten nicht entwinden konnten. Sessions bat Harris gar, die Fragen langsamer zu stellen, da es ihn nervös mache.

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Präsidentschaftskandidatur ohne klare Agenda

Diese Beharrlichkeit gepaart mit jahrelanger juristischer Erfahrung, ihrem unbändigen Sinn für Gerechtigkeit und Trumps politischem Unvermögen bewegten Kamala Harris letztlich zur Präsidentschaftskandidatur 2020. „Die amerikanischen Werte stehen auf dem Spiel“, erklärt sie bei der Verkündigung. Harris startete gut, ihre Worte fesselten, in der ersten TV-Debatte wirkte sie ebenso nahbar wie kompetent. Messerscharf attackierte sie Joe Biden und warf ihm dabei indirekt Rassismus vor, was den demokratischen Favoriten im Live-TV ins Straucheln brachte.

Kurzzeitig schien sie zum Favoritenkreis zu gehören, wurde gar als weiblicher Obama bezeichnet. Doch obwohl sie zahlreiche Vorschläge zu liberalen Themen erarbeitete, blieb Harris mit ihrer Agenda farblos und undefinierbar. „Sie ist die schlecht definierte Identitätskandidatin“, erläuterte Politikwissenschaftler Samuel Popkin im New Yorker. Und so sanken die einst verheißungsvollen Umfragewerte, bis Harris im Dezember 2019 das Ende ihrer Kandidatur verkündete. Via Twitter erklärte sie, fehlende finanzielle Ressourcen würden sie zur Aufgabe zwingen. Doch auch die schlechte Kampagnenorganisation und geringen Umfragewerte werden die Kalifornierin zum Rückzug bewogen haben.

Mit Diversität und Kompetenz Trump besiegen

Ausgerechnet der gewaltsame Tod des Afroamerikaners George Floyd Ende Mai verlieh der Senatorin neuen Schwung. Dank jahrelanger Erfahrung im Kampf für Gleichberechtigung und im Strafrecht konnte sie mit Kompetenz glänzen und ihre Popularität erhöhen. Auch Biden musste klar gewesen sein, dass nach den jüngsten Ereignissen in den USA als logische Konsequenz seine Wahl auf eine schwarze Frau fallen sollte.

Mit Kamala Harris eint er das tief gespaltene demokratische Lager. Harris und Biden bringen Jung und Alt, Schwarze und Weiße, Frauen und Männer zusammen. Eine äußerst wichtige Rolle bei der Wahl spielte auch Bidens verstorbener Sohn Beau. Dieser war Staatsanwalt von Delaware und gut mit Harris befreundet. Durch ihn lernte Joe Biden die Kalifornierin kennen und schätzen. Harris‘ Heimatstaat ist der bevölkerungsreichste der USA und seit langer Zeit in demokratischer Hand. Zwar sichert sich Biden so keinen der umkämpften Swing States, kann dort aber voraussichtlich von vielen liberalen Wählern und zahlreichen wohlhabenden Spendern profitieren. Harris bringt neuen Schwung in Bidens Wahlkampf, der sicherlich auch zahlreiche freiwillige Unterstützer mobilisieren wird. Als Identifikationsfigur kann die Vize-Kandidatin zudem besonders gut Afroamerikaner und Frauen zum Wählen motivieren.

Kamala Harris bringt als Bidens Vize neuen Schwung in den Wahlkampf des Demokraten.
Kamala Harris bringt als Bidens Vize neuen Schwung in den Wahlkampf des Demokraten.

Die von Kritikern bemängelte fehlende Linie in Harris‘ Präsidentschaftskampagne könnte sich in Kombination mit Biden als Vorteil erweisen, da die 55-jährige versucht, den Fokus auf Trump und sein Versagen im Umgang mit dem Coronavirus zu legen. Diese Taktik erscheint sinnvoll, zumal Biden in den aktuellen Umfragen landesweit rund acht Prozent vor Trump liegt. Bereits beim ersten gemeinsamen Auftritt in Delaware war diese Dynamik spürbar. Harris übernahm die Attacken auf Trump, während sich Biden staatsmännisch zurückhaltend gab. Trotz ihrer einstigen Auseinandersetzung bei der TV-Debatte schienen sie geeint.

Trumps Lager reagierte umgehend auf Harris‘ Nomination und veröffentlichte ein Video, das Harris als radikal links bezeichnete. Das Video endet mit „verlogene Kamala und langsamer Joe: perfekt zusammen, falsch für Amerika“.

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Das erste reale Zusammentreffen in knapp zwei Monaten wird mit Spannung erwartet: Am 7. Oktober begegnen sich die beiden Vize-Kandidaten Kamala Harris und Mike Pence in einer TV-Debatte. Letzterer trat bisher erst bei einer TV-Debatte auf, 2016 gegen den demokratischen Vize-Kandidaten Tim Kaine. Pence präsentierte sich gelassen und ignorierte dabei weitgehend die Angriffe Kaines. Stattdessen versuchte er, Hillary Clintons Schwachstellen aufzuzeigen. Harris absolvierte bereits fünf TV-Debatten, bei denen sie sich rhetorisch stark zeigte und dank ihrer Erfahrung als Staatsanwältin andere Kandidaten wie Joe Biden massiv unter Druck setzen konnte. Dieser hofft nun wohl seinerseits, dass Pence das Gleiche blüht wie ihm.

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